Visuelles Geschichtenerzählen Durch die Fotografie

Im Rahmen unseres Artist-in-Residence-Programms laden wir mehrmals im Jahr Künstler*innen zu einem Inspirations- und Arbeitsaufenthalt auf der Insel Föhr ein. Im Spätsommer 2025 besuchte uns die Fotografin Susan Sidebottom aus North Carolina, USA. Wenke Röschmann, Mitarbeiterin für Digitale Medien und Marketing, hat mit der Künstlerin über ihre Arbeit gesprochen – diese ist geprägt von den Verbindungen der Menschen zueinander und zu ihrer Umwelt.

 

Ist das dein erster Besuch auf Föhr? Wie ist dein Eindruck von der Insel?

 

Ja, ich bin zum ersten Mal hier. Vor meiner Ankunft habe ich mich viel über die Insel Föhr informiert und dachte, ich hätte eine Vorstellung davon, wie es hier sein würde. Als ich dann aber ankam, war ich einfach überwältigt – auf eine sehr positive Art und Weise. Ich habe meine Zeit hier sehr genossen, die Menschen sind wunderbar, und ich habe mich sehr willkommen gefühlt.

 

Susan Sidebottom, 23 Miles of Adventure, Föhr, 2025

 

Wie würdest du deine Kunst jemandem beschreiben, der sie zum ersten Mal sieht?

 

Ich betrachte Fotografie als eine Form des visuellen Geschichtenerzählens. Ich konzentriere mich auf Menschen in ihren jeweiligen Situationen und möchte anderen dabei helfen, diese zu verstehen und eine neue Perspektive zu gewinnen. Ich spreche mit vielen Menschen und stütze meine Arbeit auf Recherche und Zusammenarbeit – das ist für meine Tätigkeit von entscheidender Bedeutung. Da ich einen journalistischen Hintergrund habe, arbeite ich stark von einem journalistischen Standpunkt aus. Ich denke, das ist die beste Art, meine Fotografie zu beschreiben.

 

Kannst du uns einen Einblick in deinen Arbeitsprozess geben?

 

Ich habe eine allgemeine Vorstellung davon, was ich machen möchte und in der Regel auch einen Plan. Sobald ich mehr über den Ort und seine Umgebung erfahre, bestimmt das meine weitere Vorgehensweise. Ich beginne also mit einem Plan, bleibe aber offen dafür, mich von den Bildern und Menschen zu neuen Erkenntnissen führen zu lassen. Daraus entwickelt sich dann das visuelle Geschichtenerzählen. Ich starte nicht mit einer festen Vorstellung davon, was ich machen will, sondern versuche herauszufinden, was die Bilder selbst zu erzählen haben.

 

Susan Sidebottom, Do Not Water, aus der Serie "As If Nothing Is Wrong", 2024

 

Was hat dein künstlerisches Interesse geweckt, während deiner Zeit bei uns?

 

In den zwei Wochen, die ich auf Föhr war, habe ich alle möglichen Wetterlagen erlebt – was spannend war, weil es mir viele verschiedene Herausforderungen und Möglichkeiten im Hinblick auf die Lichtverhältnisse bot.

 

Was ich über diesen Ort gelernt habe, ist, dass die Menschen hier sehr widerstandsfähig sind und viel Mut haben. Je mehr ich über die Insel erfahren habe, desto stärker wurde mir die Verbindung zwischen Föhr und den Vereinigten Staaten bewusst, insbesondere zu New York City. Viele Föhrer wanderten damals aus, weil es hier einfach keine Möglichkeiten gab, Geld zu verdienen. Sie mussten andere Wege finden, um für sich und ihre Familien zu sorgen.

 

Ich habe mir auch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Insel angesehen. Dabei habe ich viel über Einwanderung und Migration als Folgen des Klimawandels nachgedacht. Dabei habe ich mich nicht nur mit den Auswirkungen auf die Menschen beschäftigt, sondern auch damit, wie andere Lebewesen vom Klimawandel betroffen sind. Denn auch die Landschaft, die Umwelt, die Vegetation und die Artenvielfalt auf der Insel verändern sich aufgrund des Klimawandels. Ich habe vor, in die USA zurückzukehren und mich intensiv mit der Verbindung zwischen den Menschen und anderen Lebewesen zu beschäftigen und damit, wie ähnlich wir uns in unserem Verhalten sind, wenn wir mit Herausforderungen konfrontiert werden.

 

Die Menschen, mit denen ich auf Föhr gesprochen habe, waren sehr offen und bereit, mir von ihren Erfahrungen oder denen ihrer Verwandten in New York City zu erzählen. Sie haben mich mit Auswanderern in New York und anderen Orten in den USA in Kontakt gebracht, zum Beispiel in Iowa. Ich freue mich darauf, in die USA zurückzukehren, um diese Menschen zu besuchen und die Geschichten aus ihrer Perspektive zu erzählen. In einigen Orten bin ich bereits gewesen. In Iowa habe ich zum Beispiel Landwirte fotografiert, deshalb bin ich mit der Gegend und ihren Einwohnern vertraut. Die Verbindung zwischen Föhr und Amerika ist wirklich ungewöhnlich und bedeutungsvoll. Dadurch ist Föhr für mich ein Ort, an dem ich mich sehr wohlfühle, obwohl ich noch nie hier war und die Sprache nicht spreche. 

 

Was war dein schönstes Erlebnis auf Föhr?

 

Ich habe so viele großartige Erfahrungen gemacht und hatte tolle Begegnungen. Am außergewöhnlichsten war wahrscheinlich mein Spaziergang im Watt. Ich bin mit Matthias und Tanja losgezogen. Wir sind um 5:30 Uhr morgens aufgebrochen und waren fast fünf Stunden unterwegs. Gestartet sind wir in knietiefem Wasser, als es noch stockfinster war. Beim Sonnenaufgang waren wir dann draußen im Meer. Es war wunderschön und beeindruckend. Es hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie klein wir in dieser riesigen Welt sind und wie wichtig der Nationalpark Wattenmeer für das Ökosystem ist. Man ist auf einer Höhe mit dem Horizont, schaut hinaus und sieht diese Weite und den endlosen Himmel – ich kann mir keine schönere und einzigartigere Erfahrung vorstellen.

 

Tanja Rübeck-Hansen, Sunrise on the Watt, Föhr, 2025

 

Zu meinen Lieblingserlebnissen zählt ebenfalls die Begegnung mit einem Ehepaar, mit dem ich sehr gerne Zeit verbracht habe. Bei unserem letzten Treffen habe ich sie in ihrem Garten besucht. Der Mann ist 94 Jahre alt und sie, glaube ich, 91, und sie sind seit 66 Jahren verheiratet. Insgesamt habe ich wahrscheinlich sechs bis acht Stunden bei ihnen verbracht und freue mich schon darauf, sie bei meinem nächsten Besuch auf Föhr wiederzusehen. Es war einfach großartig, ihre Liebe zueinander zu spüren und ihre Gastfreundschaft zu erleben. Er machte den besten Kaffee und sie hat für mich ein wunderbares Dessert zubereitet. Ich bin so dankbar, dass ich sie kennenlernen durfte– es ist ein großes Geschenk, wenn Menschen mir ihre Zeit schenken.

 

Vielen Dank für das Gespräch!