Grüezi aus dem Watt Thomas Wrede auf Föhr

Schön, dass Sie wieder da waren, Herr Wrede! Im Rahmen unseres Artist-in-Residence Programms konnten wir auch in diesem Jahr den deutschen Fotokünstler Thomas Wrede bei uns begrüßen. Mit im Gepäck zahlreiche Rindenstücke von Korkeichen und Felsen-Elemente einer Modelleisenbahn. Was es damit auf sich hat, verraten wir Ihnen gleich. Vorher möchten wir Ihnen den Künstler vorstellen:

 

Thomas Wrede (geb. 1963) lebt und arbeitet in Münster. Die Insel Föhr kennt er schon aus der Kindheit, und auch zur Nordsee hat er eine lange und intensive Beziehung. In den Landschaften entlang der Westküste hat er seit über 20 Jahren diverse Fotoprojekte realisiert, darunter die Werkreihen Real Landscapes und Seascapes, die 2010 mit der Ausstellung Anywhere im MKdW präsentiert werden konnten. 

 

Thomas Wrede

 

Viele seiner Arbeiten sind auf der nordfriesischen Insel Amrum entstanden. Erst als Wrede 2015 für zwei Wochen als Artist in Residence nach Alkersum kam, schuf er hier mit Früher Morgen bei den Korallenmoosinseln erstmals eine Fotoarbeit auf Föhr. Wrede berichtet: „Schon in Münster hatte ich gemeinsam mit meinen Assistenten über mehrere Wochen kleine Miniaturinseln mit vielen Bäumen, Sträuchern und Gräsern gebaut. Im Wattenmeer rund um Föhr wollte ich für diese Miniaturinseln dann eine geeignete Kulisse finden – und fand sie auch: Eine große Strandpfütze in der Nähe vom Schöpfwerk Föhr-Mitte, nördlich von Oldsum. Die Stelle war optimal.“

 

Thomas Wrede, Früher Morgen bei den Korallenmoosinseln, 2016, © Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Thomas Wrede, Früher Morgen bei den Korallenmoosinseln, 2016, © Courtesy of the artist / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

 

 

Wredes Arbeiten bewegen sich zwischen Realität und Fiktion. Die reale Landschaft ist sein künstlerischer Ausgangspunkt. Doch indem er mit dem Standpunkt der Kamera die Perspektive und mittels Miniaturmodellen den Maßstab verändert, erschafft er ein verzerrtes und imaginäres Realitätsabbild. Auf diese Weise regt Wrede dazu an, die eigene Wahrnehmung, aber auch die Fotografie als scheinbar objektives, dokumentarisches Medium zu hinterfragen. Dazu passt, dass Wrede die Inspiration für seine Motive vielfach aus Pressefotografien schöpft, die die Auswirkungen realer Naturereignisse oder Naturkatastrophen zeigen. Die Anregung für das Werk Früher Morgen bei den Korallenmoosinseln bot etwa das Elbehochwasser im Jahr 2002, bei dem ganze Landstriche überflutet und Baumgruppen wie kleine Inseln umspült wurden. Wrede fuhr damals tagelang durch die völlig veränderte Landschaft und sammelte Eindrücke, die er während seines Aufenthaltes auf Föhr 2015 künstlerisch umsetzen konnte.

 

Im Juni diesen Jahres setzte Wrede seine Fotoarbeit auf Föhr fort. Als Landschaftskulisse diente dieses Mal die Wattlandschaft. Zu seinem Arbeitsmaterial gehörten – jetzt kommen die bereits angekündigten Rindenstücke der Korkeiche – „Krokodilfelsen“, wie Wrede sie nennt. Während die Landschaft in Früher Morgen bei den Korallenmoosinseln idyllisch, nahezu verträumt anmutet, bettete Wrede die „Krokodilfelsen“ – schon an sich von rauerer, kargerer Beschaffenheit – in eine düstere Landschaftsszenerie ein. Die im Bild erzeugte Stimmung hängt dabei wesentlich von den Witterungsbedingungen vor Ort ab. Das heißt für den Künstler oftmals: warten – und ausprobieren. So sind in diesen Junitagen mehrere Aufnahmen bei unterschiedlichen Witterungs- und Lichtverhältnissen entstanden, aus welchen es nun die „ideale“ Aufnahme auszuwählen gilt.

 

 

Zudem arbeitete Wrede an einem dritten Motiv, inspiriert von folgenschweren Erdrutschen in den Schweizer Alpen. Die Suche nach dem richtigen Ort für die Aufnahmen gestaltete sich auf der Insel Föhr nicht ganz einfach. Schließlich wurde er ein weiteres Mal in der Umgebung des Flughafenstrandes fündig. Nur dieses Mal sehr weit draußen im Watt, weshalb er die Gezeiten stets im Blick halten musste – nicht, dass er während seiner Arbeit vom Wasser umkreist und im schlimmsten Falle sogar eingeschlossen wird. An einem sehr milden Sommerabend konnte er den bereits im Atelier vorgeplanten Erdrutsch in Szene setzen und die gewünschten Ergebnisse erzielen. Die größte Problematik bei diesem Motiv: Die Wattwürmer. Kurz bevor er
den Auslöser tätigen konnte, musste Wrede darauf achten, dass kein neuer „Spaghetti-Haufen“ entstanden ist, denn das wäre schon sehr untypisch für die Schweiz.

 

 

 

Die auf Föhr entstandenen Arbeiten werden ab dem 28. Februar 2021 in der Ausstellung Made on Föhr. Fotografie aus dem Artist-in-Residence-Programm zu sehen sein. Dabei ist Thomas Wrede einer von drei vertretenen Künstlern. Nicole Ahland aus Wiesbaden und die in Finnland und Frankreich lebende Elina Brotherus sind als ehemalige Artists in Residence ebenfalls mit von der Partie. Die Gruppenausstellung gibt den Auftakt zu einer Ausstellungsserie, die in unregelmäßigen Abständen die Ergebnisse der Künstler, die vom MKdW nach Föhr eingeladen wurden, vorstellen wird.